Illustration zu „Die Herstellung“
IIIDie Herstellung
Kapitel
III

Die Herstellung – Handwerk auf 200.000 Teilen

Wie aus 5.000 Metern Garn und zwei Millionen Maschen ein Strumpf wird.

Echte Nahtstrümpfe entstehen ausnahmslos auf Cottonmaschinen – benannt nach William Cotton, der die Maschine 1864 patentieren ließ. Diese Maschinen gehören zu den faszinierendsten Apparaten der Textilgeschichte: Sie sind bis zu 20 Meter lang, wiegen bis zu 15 Tonnen und bestehen aus rund 200.000 Einzelteilen. Je nach Ausführung entstehen auf ihnen bis zu 36 Strümpfe gleichzeitig – auf allen „Fonturen" (Nadelköpfen) laufen parallel und synchron dieselben Arbeitsgänge ab, beginnen zur selben Zeit und enden zur selben Zeit.

TEXTIMA Cottonmaschine zur Strumpfherstellung
Eine TEXTIMA-Cottonmaschine – bis zu 20 m lang, 15 Tonnen schwer.Deutsche Fotothek (CC)
Zahlen, die staunen lassen
  • Ca. 600 Nadeln sind an der Entstehung eines einzigen Strumpfes beteiligt – die Nadelstärke beträgt nur 0,15 mm.
  • Ein Strumpf besteht aus rund 2 Millionen Maschen bzw. etwa 5.000 Metern Garn.
  • Ein Cotton-Strumpfrohling brauchte 25–40 Minuten – eine moderne Rundstrickmaschine schafft den Schlauchstrumpf in einstelliger Minutenzahl.
  • Das Wirken von Feinstrumpfware war und ist äußerst temperatur- und luftfeuchteempfindlich – schon kleine Klimaschwankungen beeinflussen das Ergebnis.

Wirken, nicht Stricken – ein feiner, aber entscheidender Unterschied

Die Cottonmaschine ist – stark vereinfacht – eine Flachstrickmaschine. Doch die Bezeichnung „Strickmaschine" ist eigentlich falsch: Richtig ist Wirkmaschine. Worauf gründet der Unterschied? Beim Stricken ist immer nur eine Nadel an der Maschenbildung beteiligt; beim Wirken sind es viele gleichzeitig. Nahtstrümpfe alter Machart werden gewirkt – moderne Strumpfwaren sind dagegen ausnahmslos Strickware. Genau dieser Unterschied erklärt das überlegene, gleichmäßige Maschenbild des Nahtstrumpfs.

Das Produkt der Cottonmaschine ist deshalb auch kein fertiger Strumpf, sondern ein flaches Textilgebilde in Form eines Beines – der Techniker spricht von der „Abwicklung" eines Beines. Die Fertigung beginnt am sogenannten „Mäusezahn" des Doppelrandes und erfordert das mehrmalige Anhalten der Maschine. Fußbett und Hochferse werden mit einem zusätzlich eingelegten Faden direkt im laufenden Prozess eingearbeitet. Die Rohstrümpfe verlassen die Maschine übrigens noch in reinem Weiß – gefärbt wird erst später.

Detail des Platinenkopfes einer Cottonmaschine
Platinenkopf: Hier entstehen die MaschenTechnische Abbildung
Schnittdarstellung einer Cottonmaschine
Schnitt durch die Maschine: pure MechanikTechnische Abbildung
Wie eine Masche entsteht – ein Bild
Stell dir einen waagerecht eingespannten Kamm vor, an dessen Zinkenenden kleine Haken sitzen. Vor die Zinken legt man einen dünnen Faden. Ein zweiter Kamm drückt nun von hinten seine Zinken zwischen die des ersten – der Faden wandert mit und bildet, von oben betrachtet, eine Wellenlinie. Bewegt sich der Hakenkamm nach unten, entsteht eine Schlaufe: eine Masche. Eine echte Cottonmaschine hat statt Kämmen unzählige Nadeln und Platinen – die Nadeln bilden die Maschen, die Platinen die „Fadenwelle" davor. Dieses Prinzip, hundertfach parallel und mechanisch präzise gesteuert, ist das Herz jedes Nahtstrumpfs.

Die anatomische Passform: das Mindern

Weil der klassische Nylonstrumpf ein nahezu starres Maschenwerk ist, wird er bereits in der Fabrikation mit „anatomischer" Passform gefertigt: Je nach Beinbereich ist eine veränderliche Nadelanzahl beteiligt. Die meisten Maschen hat der Oberschenkel; in Richtung Knie, über die Wade bis zur Fußspitze wird die Maschenzahl immer geringer. Beim Mindern werden dazu zwei Maschenschlaufen auf eine einzige Nadel genommen. Dieses Mindern sichert die verbesserte Passform und sorgt für ein gleichmäßiges Aussehen am Bein.

Sichtbar bleibt das im fertigen Strumpf als feines Minderungsmuster – jene kleinen, regelmäßig versetzten Spuren entlang der Naht, die ein zuverlässiges Echtheitszeichen sind. All das wurde rein mechanisch über Kurvenscheiben und Steuerketten gesteuert: Die alten Cottonmaschinen entstanden, lange bevor es speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) gab. Dass diese komplexe Mengensteuerung ohne jede Elektronik gelang, gehört zu den unterschätzten Meisterleistungen des Maschinenbaus.

Grafik zur Minderung der Maschenzahl
Grafik: das Mindern der MaschenzahlSchemazeichnung
Minderungsmuster bei echten Nahtnylons
Das Minderungsmuster am StrumpfMakroaufnahme

Das Nähen – bis heute reine Handarbeit

Erst ein nachfolgender Arbeitsschritt macht aus der flachen Bahn einen Strumpf: das Nähen auf 2- oder 3-Faden-Nähmaschinen, beginnend an der Fußspitze und fortgesetzt bis zum Doppelrand. Vorher wird der Fersenbereich oft „gekettelt", um die Naht dort haltbarer zu machen. Bemerkenswert: Die Nahtnylons werden bis heute mit der Hand genäht – jeder einzelne Strumpf wird von einer Näherin behutsam durch die Maschine geführt. Diese Naht ist nicht dekorativ: Würde man sie auftrennen, läge der Strumpf wieder als flache Bahn vor und wäre als Kleidungsstück unbrauchbar. Die Naht hält ihn buchstäblich zusammen.

Dabei entsteht auch das berühmte Abschlussloch („Keyhole"): Der Doppelrand würde eigentlich aus vier Lagen Stoff bestehen, genäht werden aber nur zwei Lagen gleichzeitig. Am Ende des Doppelrandes lässt sich der Strumpf mit der Tellertransport-Nähmaschine nicht weiter zusammennähen – es bleibt zwangsläufig eine Lücke. Das Loch erfüllt also keinerlei Zweck (es erhöht weder Elastizität noch Komfort) und ist gerade deshalb das untrüglichste Echtheitszeichen. Interessant: Der heute geläufige Begriff „Auge im Strumpf" für dieses Loch ist eine Erfindung der Neuzeit – in keiner Fachliteratur aus der Blütezeit der Nahtstrümpfe taucht er auf.

Näherin an einer Strumpfnähmaschine
Handarbeit an der StrumpfnähmaschineWerkstattaufnahme
Details einer Strumpfnähmaschine
Detail der StrumpfnähmaschineWerkstattaufnahme
Nähen des Doppelrands – Entstehung des Abschlusslochs
So entsteht das AbschlusslochWerkstattaufnahme
Strumpfherstellung in Arbeitsschritten, ROGO-Werke Oberlungwitz
Arbeitsschritte, ROGO-Werke (1930er)Frohwein, 1936

Färben, Fixieren, Prüfen

Nach dem Nähen wird der Strumpf gefärbt und anschließend fixiert – ein besonders wichtiger Schritt: Der Strumpf wird über ein flaches, mit Dampf oder elektrisch beheiztes „Bein" aus Metall gezogen. Dabei erhält er seine endgültige Form, und die Maschen werden stabilisiert (was die Laufmaschenneigung mindert, aber nicht beseitigt). Nach einer Qualitätskontrolle wird verpackt und ausgeliefert.

Der Aufwand ist bis heute unverändert hoch, ebenso die Ausschussquote – der Herstellungsprozess unterliegt zahlreichen Einflussfaktoren, von Temperatur und Luftfeuchte bis zur Garncharge. Kleine Schwankungen bemerkt man sogar als Kundin: Strümpfe identischer Größe sind nicht immer exakt gleich lang. All das erklärt den Preis. Oder, pointiert formuliert: Ein Strumpfhosen-Strickautomat hat keine Zeit, aufs Detail zu achten.

1WirkenFlache Bahn auf derCottonmaschine 2KettelnVerstärken derFersenpartie 3NähenNaht + Abschlussloch,von Hand geführt 4Färben & FixierenFormgebung auf dembeheizten Metallbein 5PrüfenQualitätskontrolle& Verpacken
Illustration: Die fünf Stationen vom Garn zum fertigen Nahtstrumpf
Könnte das Handwerk aussterben?
Für die Feinstrumpfproduktion wurde seit Jahrzehnten keine Cottonmaschine mehr gebaut – der Maschinenbau selbst existiert aber weiter (heute mit SPS-Steuerung, allerdings für andere Wirkwaren). Sollte eine der alten Maschinen eines Tages endgültig stillstehen, bräuchte es theoretisch „nur" einen willigen Investor: Eine neue Cottonmaschine wäre bestellbar – mit allen Vorteilen moderner Steuerungstechnik, etwa schnellerem Wechsel zwischen Größen, Fersen- und Fußbettformen sowie kürzeren Taktzeiten. Niemand muss also fürchten, dass es eines Tages keine Nahtstrümpfe mehr gibt.