Illustration zu „Was sind echte Nahtnylons?“
IWas sind echte Nahtnylons?
Kapitel
I

Was sind echte Nahtnylons?

Keine moderne Kopie von etwas Altem – sondern das Original.

Der Begriff „Nahtnylon" beschreibt feine Strümpfe, die aus reinem Nylon- oder Perlongarn auf alten Flachwirkmaschinen – den sogenannten Cottonmaschinen – hergestellt werden. Diese Maschinen können den Strumpf technisch bedingt nur als flache Bahn wirken. Anschließend wird er an der Rückseite sorgfältig vernäht: So entsteht die charakteristische Naht, die jedem Schritt Eleganz und Haltung verleiht. Die Naht ist also kein nachträglich aufgesticktes Zierelement, sondern eine logische Folge des Fertigungsverfahrens.

Im Englischen heißen diese Strümpfe Fully Fashioned Seamed Stockings – wörtlich „voll geformter, genähter Strumpf mit Passform". Jedes Wort dieser Bezeichnung trägt Bedeutung: „fully fashioned" verweist auf die anatomische Formgebung beim Wirken, „seamed" auf die zusammenhaltende Naht. Dazu kommen die sichtbare Fersenverstärkung, die verstärkte Sohle und das typische Abschlussloch am Strumpfrand – das im Englischen poetisch „Keyhole" genannt wird.

Detailaufnahme eines bestrumpften Beins mit Cuban Heel und schwarzen High Heels
Echter Nahtstrumpf mit Cuban Heel – Naht und Hochferse in einer Linie.Detailaufnahme
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Nicht elastisch – und genau deshalb besonders

Echte Nahtnylons bestehen aus 100 % Polyamid, ohne Elastan oder Lycra. Das klingt erst einmal nach einem Nachteil, ist aber ihr eigentliches Geheimnis. Eine moderne Strumpfhose dehnt sich in alle Richtungen und passt sich jeder Beinform an – um den Preis, dass sich das Garn unter Spannung verzieht, matter wirkt und das Bein an Knöcheln und Waden oft dunkler erscheinen lässt als am Knie. Ein echter Nahtstrumpf dagegen schmiegt sich nicht an, sondern liegt: leicht, glatt, mit einem gleichmäßigen, dichten Maschenbild, das ein weiches, fast seidiges Licht auf die Haut wirft.

Genau dieser scheinbare Nachteil der geringen Dehnbarkeit erweist sich als optischer Vorteil: Weil sich die Maschen nicht überdehnen, bleibt die Garnfarbe über das ganze Bein hinweg gleichmäßig. Wo billige dunkle Strümpfe ein Bein zur „seltsamen Gestalt" werden lassen, die an den Knöcheln um Stufen dunkler ist als am Oberschenkel, zeigt der Nahtstrumpf eine ruhige, durchgehende Transparenz.

Und ja: Echte Nylons werfen manchmal Falten, besonders an Knöcheln und hinter dem Knie. Das ist kein Mangel, sondern Teil ihres Charakters – die Quittung für die Abwesenheit von Elastan. Wer das weiß und annimmt, trägt sie mit der Gelassenheit einer Kennerin.

Gut zu wissen
Weltweit fertigen heute nur noch drei Hersteller echte Nahtnylons auf alten Cottonmaschinen: GIO (Großbritannien), Cervin (Frankreich) und Secrets in Lace (USA/Großbritannien). Alles andere ist entweder eine reine Ziernaht – also bloße Optik auf einem rundgestrickten Schlauchstrumpf – oder eine billige Imitation aus Fernost. Wie du den Unterschied erkennst, erfährst du in Kapitel V und VIII.
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Die Anatomie eines echten Nahtstrumpfs

Tippe auf die goldenen Punkte, um jedes Detail kennenzulernen. Nichts an einem echten Nahtstrumpf ist zufällig – jedes Element hat eine technische Funktion.

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Jedes Element eines echten Nahtstrumpfs hat eine technische Funktion – nichts ist bloße Dekoration. Tippe links auf einen Punkt.

Was du beim ersten Tragen bemerkst

Beim ersten Mal echte Nahtnylons anzuziehen ist ein bisschen wie der erste Schluck guten Kaffees nach Jahren von Instantpulver. Du merkst sofort: Das ist anders. Konkret bemerkst du vier Dinge:

  • Das Maschenbild ist deutlich dichter als bei Strumpfhosen – die Wirkart „Plain Knit" legt die Maschen gleichmäßig in einer Reihe hintereinander, was den Strümpfen ihre feine, glatte Erscheinung gibt.
  • Der Stoff fühlt sich glatter und feiner an, fast seidig – weil das monofile bzw. fein polyfile Garn nicht wie moderne texturierte Garne aufgeraut ist.
  • Die Strümpfe sind kaum dehnbar, sitzen aber überraschend gut – sie werden in anatomischer Passform gewirkt, das Bein gewissermaßen „nachgezeichnet".
  • Die Naht an der Rückseite spürst du beim Tragen kaum – sie liegt flach und ist sorgfältig versäubert.

Echte Nylons – mit und ohne Naht

Als „echte Nylons" bezeichnet man übrigens nicht nur die Nahtnylons, sondern auch ihre unmittelbaren Nachfolgerinnen: die nahtlosen Strümpfe der späten 50er- und 60er-Jahre-Machart. Die Gemeinsamkeit der beiden Strumpfschwestern liegt im Material – Garne aus 100 % Nylon bzw. Perlon, im Gegensatz zu modernen Strumpfwaren aus Mischgarnen. Auch gute Nahtlose tragen die klassischen Qualitätsmerkmale: Verstärkungen an Spitze und Ferse, eine Pendelferse zur Ausformung des Fußes und einen Doppelrand. Was sie unterscheidet, ist allein die fehlende Naht – und damit ein Stück der unverwechselbaren Ästhetik. Mehr über die nahtlose Schwester und das Ende der Nahtnylon-Ära liest du in Kapitel XII.

Nahtlose Nylonstrümpfe
Nahtlose echte NylonsStudioaufnahme
Nahtlose Nylons mit High Heels, Schwarz-Weiß-Fotografie
Nahtlose Nylons, klassisch inszeniertSchwarz-Weiß-Aufnahme
Großaufnahme der Pendelferse echter Nylonstrümpfe
Detail: PendelferseMakroaufnahme
Verstärkte Strumpfspitze echter Nylons
Detail: verstärkte SpitzeMakroaufnahme
„Gute Nahtstrümpfe lassen sich mit einem guten Wein vergleichen: Beide brauchen länger in der Entstehung – und werden von Genießerinnen blind aus der Masse erkannt."