
Eine kleine Strumpfgeschichte
Bis ins 19. Jahrhundert war der Strumpf vor allem ein Kleidungsstück der Herren. Erst dann entdeckten ihn die Frauen für sich – unterstützt von der industriellen Entwicklung, die eine preiswertere Herstellung erlaubte. Dennoch blieb der feine Strumpf lange ein Luxusartikel, für das einfache Volk unerschwinglich. Richtig ins Blickfeld rückte der Damenstrumpf erst nach dem Ersten Weltkrieg: Das neue Selbstbewusstsein der Frauen – im Krieg durch zahlreiche Arbeitsdienste geformt – ließ die Röcke kürzer und das Bein sichtbar werden. Wo das Bein zuvor verborgen war, hatten die Strümpfe nun transparent und schlicht zu sein, statt wie früher gemustert und verziert.
Das sächsische Strumpfwunder
Kaum bekannt ist heute, wie sehr eine einzige Region den Weltmarkt beherrschte. Sachsen, insbesondere das Erzgebirge, profitierte überproportional vom Strumpfboom der 1920er-Jahre: Rund 75 % der gesamten Weltstrumpfproduktion kamen aus dieser Gegend. Die Statistik des Deutschen Reiches dokumentiert für 1928 allein in Sachsen 870 Strumpfwirkereien mit 57.000 Angestellten, die 35 Millionen Dutzend Paar Strümpfe fertigten – das sind 420 Millionen Paar in einem einzigen Jahr. Diese Konzentration sollte nach 1945 noch eine dramatische Rolle spielen (mehr dazu weiter unten).
Die Zeitreise – zum Aufklappen
Lange vor der Industrialisierung baute der Engländer William Lee Ende des 16. Jahrhunderts den ersten „Handkulierstuhl" aus Holz und Metall – eine Maschine, die jeweils einen Strumpf maschinell fertigen konnte. Der Legende nach soll ihn die Strickleidenschaft seiner Angebeteten zur Erfindung getrieben haben. Damit war der Grundstein für die gesamte mechanische Strumpffertigung gelegt.
Der „Pagetstuhl" erlaubte im 19. Jahrhundert die gleichzeitige Fertigung von drei Strümpfen. 1864 ließ William Cotton seine Maschine patentieren (britische Patentschrift 3123) – nicht der Beginn der mechanischen Fertigung, aber der Sprung von der Heimarbeit im Wohnzimmer zur großindustriellen Manufaktur im Maschinensaal. Die Cottonmaschine wurde zum Synonym für den hochwertigen Nahtstrumpf.
Echte Seidenstrümpfe waren für die meisten Frauen unerschwinglich. Die Kunstseide – zuerst 1912 in England bekannt – machte den transparenten Strumpf bezahlbar. Sie war kein vollsynthetisches Produkt, sondern ein abgewandeltes Naturprodukt: Natürliche Zellulose wurde durch Auflösung der Wasserstoffbrücken ihrer Makromoleküle zum Ausgangsstoff. Schwächen: zu starker Glanz, gröberes Garn, Wasserflecken und dauerhaftes Ausbeulen an Knien und Knöcheln. Trotzdem blieb Kunstseide bis in die 1940er der Alltagsstrumpf.
Der amerikanische Chemiker Wallace H. Carothers präsentierte nach zehn Jahren Forschung 1937 seiner Firma DuPont einen neuen Faserstoff: Nylon, gewonnen in einer Synthese aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure – das Polyamid 6.6. 1938 stellte DuPont es unter dem Werbespruch „Ein besserer Faden für ein besseres Leben" vor. 1939 nahm die erste Nylonfabrik den Betrieb auf.
Fast zeitgleich gelang Professor Paul Schlack in einem Labor der I.G. Farben in Berlin-Lichtenberg das Polyamid 6 – angeblich bereits im ersten Versuch, aus Caprolactam und Aminocapronsäure. Es wurde als Reichspatent 748253 angemeldet und erhielt den Namen Perlon. Den ersten Perlon-Damenstrumpf trug die Ehefrau des Erfinders; die erste Strumpfproduktion lief 1938 bei der Firma Bahner im Erzgebirge. Der Grundstoff Caprolactam wurde u. a. in einer 1942 in Betrieb gegangenen Anlage in Leuna („LURAN") erzeugt.
Offizieller Verkaufsstart der Nylons in den USA – ein Triumph. Schon der Testverkauf im Oktober 1939 mit eigens gewirkten 4.000 Paar war ein durchschlagender Erfolg. Zwei Millionen Paar wurden für den Verkaufsstart produziert und waren binnen vier Tagen restlos ausverkauft. Von diesem Tag an erlebte der Nylonstrumpf einen beispiellosen Siegeszug – nur der Krieg unterbrach ihn.
Die gesamte Nylon- und Perlonproduktion wurde für militärische Zwecke gebraucht: Fallschirme, Seile, Zelte. Auf den Cottonmaschinen entstanden statt Strümpfen sogar Säckchen für Schwarzpulver – das feine Gewebe eignete sich perfekt, um abgewogene Treibladungen für Granaten zu füllen. Frauen griffen wieder zu den altbekannten Kunstseide- oder Seidenstrümpfen.
Nach Kriegsende kamen Nylons mit den alliierten Truppen in den Westen; im Osten liefen langsam Perlon-Nahtstrümpfe an. Auf dem Schwarzmarkt wurden Nylonstrümpfe mit bis zu 200 Reichsmark gehandelt – im Westen galten sie als „Bettkantenwährung". Strumpfstärken: zunächst 40/30 den, dann der Trend zu 20 den. Es ist die Zeit, in der ein Paar Strümpfe gegen Nahrungsmittel getauscht wurde.
Begleitet von Christian Diors „New Look" galten Nahtstrümpfe als DAS Modestatement: ein Zeichen für Luxus, Verführung und moderne Weiblichkeit. Der 15-den-Strumpf wurde Standard. 1952 verteilte sich der westdeutsche Markt auf 60 % Perlon-, 20 % Nylon- und noch immer 20 % Kunstseidestrümpfe. Zugleich begann ein ruinöser Preiskampf, den der Hersteller ARWA 1952 mit Nahtstrümpfen für 5,90 DM eröffnete – ein Wettlauf nach unten, der die Qualität langsam aushöhlte.
Rundstrickmaschinen fertigen einen Strumpf in einstelliger Minutenzahl statt in 25–40 Minuten – ohne Näharbeit und auf deutlich billigeren Maschinen. Spötter nennen die Schlauchware „Mannesmannstrümpfe" (nach den nahtlosen Mannesmann-Rohren). Vergebens: Bei ESDA in der DDR fällt die Umstellung in die Jahre 1957/58. Die Naht verschwindet vom Alltagsbein.
Die Strumpfhose verdrängt den Strumpf fast vollständig und wird zum Massenprodukt – bequemer, billiger, passend zum neuen, kürzer berockten Lebensstil. Zurück bleibt die Naht: nicht mehr Notwendigkeit, sondern Sinnbild eines besonderen Stils und einer vergangenen Ära.
GIO, Cervin und Secrets in Lace wirken echte Nahtnylons auf Cottonmaschinen, die meist in den 1950ern gebaut wurden und die Verschrottungswellen der 60er überstanden haben. Der Nahtstrumpf ist vom Alltagsartikel zum seltenen Luxusgut geworden – und fasziniert eine kleine, treue Anhängerschaft mehr denn je.
Faserkrieg: Nylon gegen Perlon
Nach dem Krieg lieferten sich Nylon (West) und Perlon (Ost) ein regelrechtes Wettrennen um die Gunst am Damenbein. Mit allen Mitteln wurden die jeweiligen Vorzüge herausgestellt. Der von Nylon abgeschnittene Osten behauptete 1948 auf der Leipziger Messe selbstbewusst: „Strümpfe aus Perlon werden die Nylons schon recht bald verdrängen." Als Beweis versuchte man, Perlongewebe mit den Fingern zu durchstoßen – die Strümpfe blieben resistent, nur die Fingerspitzen wurden weiß. Der Abnahmepreis für ein Dutzend Paar Perlonstrümpfe betrug damals immerhin 18 Dollar.
Das Erbe von 1945: Sachsens Monopol als Fluch
Nach Kriegsende ergab sich eine kuriose und folgenreiche Lage. Praktisch die gesamte deutsche Feinstrumpfindustrie war im Erzgebirge konzentriert; bis auf fünf Cottonmaschinen standen sämtliche Maschinen zur Damenfeinstrumpf-Herstellung in Sachsen. Die UdSSR verlangte Reparationsleistungen – und die Genossen fanden Geschmack an feinen Strümpfen: Allein im erzgebirgischen Auerbach mussten 109 Cottonmaschinen die Reise in die Sowjetunion antreten. Der sächsische Wirtschaftsminister Fritz Selbmann (im Übrigen auch Schriftsteller) brachte die Machtlage 1947 auf den Punkt: „Die Frauen in den Westzonen werden solange barfuß gehen, bis ihre Männer uns Edelstahl und Hüttenkoks liefern." Erst ab 1952 konnten neu aufgebaute Fabriken im Westen den dortigen Bedarf decken.
Kunstseide und Nylon im direkten Vergleich
Wie groß der Sprung von der Kunstseide zum Nylon wirklich war, zeigt der direkte Blick auf die Transparenz – ein Unterschied, der zeitgenössische Frauen begeisterte:


Kuriosum: Die Naht vorn
Muss die Naht eigentlich immer hinten sein? Klare Antwort: nein. Im Frühjahr 1950 brachte die amerikanische Gotham Hosiery Company ihre „Cobwebby"-Nylons auf den Markt – Nahtstrümpfe mit der Naht vorn. Der Pressetext vom März 1950 schwärmte von der „delicate black line bisecting the full length from top to toe", die das Model Wendy Russell auf der New Yorker Frühjahrsmodenschau präsentierte. Durchgesetzt hat sich die Idee bekanntlich nicht – die Rücknaht blieb das Maß aller Dinge.