Illustration zu „Die nahtlose Ära“
XIIDie nahtlose Ära
Kapitel
XII

Die nahtlose Ära & das Ende der Naht

Wie eine billigere Maschine die schönste Linie der Modegeschichte verdrängte.

In den 1950er-Jahren machten sich die nahtlosen Strümpfe daran, die Naht von den Waden zu verbannen. Anfangs sah es nicht so aus, als könnten sie sich durchsetzen. Bestenfalls, so glaubte man, würden sie in friedlicher Koexistenz mit den bewährten Nahtstrümpfen überleben. So sehr schienen die Vorteile der auf Passform gewirkten Nahtnylons auf der Hand zu liegen. Selbst Branchenkenner setzten weiter auf die alte Technik – einige westdeutsche Hersteller importierten sogar die in den USA der Verschrottung anheimgefallenen Cottonmaschinen, um Nahtstrümpfe zu fertigen. Eine grandiose Fehleinschätzung der Marktlage, wie sich zeigen sollte.

Ein zu spät erkannter Trend

Warum glaubten selbst alteingesessene Strumpffabrikanten nicht an die Nahtlosen? Vielleicht, weil die „Neuen" gar nicht so neu waren: Die Technik des Rundstrickens war seit 1866 bekannt, Maschinen zur Herstellung nahtloser Strümpfe gab es längst. Bislang aber waren sie nur ein Nischenprodukt, dem das entscheidende Strumpfmerkmal fehlte – die Naht. Denn ein Damenstrumpf musste eine Naht haben. Genau diese Gewissheit kippte, als die Frauen plötzlich begannen, die Sorglosigkeit der nahtlosen Strümpfe zu schätzen: keine ständige Angst mehr um eine gerade sitzende Naht.

Der ruinöse Kostenvorteil

Die Rechnung der Nahtlosen war erdrückend. Die Rundstrickmaschinen kosteten in der Anschaffung viel weniger als die komplizierten Cottonmaschinen. Der aufwendige Arbeitsgang des Nähens entfiel komplett. Und der entscheidende Beschleuniger war die Fertigungszeit: Brauchte ein Cotton-Strumpfrohling noch 25 bis 40 Minuten, rechnete man bei den Nahtlosen in einstelliger Minutenzahl. Die Rundstrickmaschinen liefen nahezu pausenlos, während die Cottonmaschine nie ohne Unterbrechung arbeitete.

„Mannesmannstrümpfe"
Es half wenig, die nahtlose Schlauchware wegen ihrer Form abwertend „Mannesmannstrümpfe" zu nennen (abgeleitet von den nahtlosen Mannesmann-Rohren) oder ihnen mindere Haltbarkeit anzudichten. Ein erbitterter Strumpfkrieg um Preise, Qualität und Philosophien setzte ein – eine Schlacht, die weder auf Industrie- noch auf Kundenseite Gewinner kannte. Der nahtlose Strumpf setzte sich durch, um kurz darauf selbst von der Strumpfhose verdrängt zu werden.

Im Grunde eine Mogelpackung

In der Machart lehnten sich die Nahtlosen zunächst eng an ihre Strumpfschwestern an: Verstärkung an Fußspitze und Ferse, Doppelrand und vor allem die Pendelferse. Was bedeutet dieser Fachbegriff? Nach dem Ausstricken der Ferse macht der Strumpf einfach einen Knick und wird „um die Ecke" weitergestrickt, um den Fuß auszuformen. Weil das Mindern der Maschenzahl keine Stärke der Rundstrickmaschine war, mussten die Hersteller tricksen: An Wade und Oberschenkel zog man die Schlaufen einfach etwas weiter, um eine unterschiedliche Dehnungsweite zu ermöglichen. Trotz aller Marktstudien, die das Gegenteil prophezeiten, verlangten die Kundinnen immer mehr nahtlose Strümpfe – die Hersteller mussten überstürzt folgen.

Qualitätsverlust als Fortschritt verkauft

Aus dem guten Geschäft entstand ein noch heftigerer Preiskampf, und mit der Qualität blieben auch namhafte Strumpfstricker auf der Strecke. Bitter für die Kundinnen: Die Verluste an Qualität wurden ihnen als große Fortschritte „untergejubelt". Teilweise entfielen die Pendelfersen, oft ließ man den Doppelrand einfach weg, und schließlich litten auch die Garne. Qualität zählte wenig bei dem nun endgültig zum Wegwerfartikel verkommenen Strumpf. Bei den Nahtlosen wurden 400 Maschen auf den Strumpfdurchmesser zur üblichen Dichte – was im Vergleich zu den 614 Maschen eines echten Nahtstrumpfs (siehe Kapitel IV) den Qualitätsverlust offenlegt.

Eine Ost-West-Fußnote

Interessanterweise verlief die Entwicklung in Ost und West unterschiedlich. In der DDR waren Strümpfe kein Billigprodukt schlechter Qualität: Das Strumpfkombinat ESDA setzte – zumindest im eigenen Land – nicht auf die Billigschiene. Strumpfhosen blieben bis zum Ende der 80er ein begehrtes, wertgeschätztes Produkt, das viel häufiger getragen wurde als heute. Eine zerstörte Strumpfhose war dort eine kleine Katastrophe, für die man selbstverständlich Ersatz leistete. Mit der DDR ging auch diese Wertschätzung zu Ende.

„Vereint verbannten der nahtlose Strumpf und die Strumpfhose die einst unverzichtbare Strumpfnaht von den Beinen."

Was sind „echte Nylons" heute – ohne Naht?

Suchst du nahtlose Strümpfe, die den echten Nylons der 60er entsprechen, lohnt der Blick auf Modelle wie die Cervin „Capri" (15 oder 20 den), gefertigt aus 100 % Nylongarn ganz im Stil der 60er. Auch die französische Marke CLIO stellt Strümpfe in 60er-Jahre-Manier her. Mit geübtem Auge unterscheidest du die guten alten Nylons von Billig- oder Stretchmodellen meist schon am Maschenbild oder an der echten Pendelferse. Vorsicht aber bei Nylons der 60er und 70er: Hier können – wie bei allen Vintage-Strümpfen – die damals verwendeten Farben und Ausrüstungschemikalien problematisch sein (siehe Kapitel VIII).

Ziehen und vergleichen: Naht oder nahtlos?

NahtlosNahtlos
Mit NahtMit Naht
Der Schieberegler zeigt den Unterschied, der ab den 1960ern die Beine der Welt veränderte: die markante Rückennaht (links) gegenüber dem glatten, nahtlosen Rundstrickstrumpf (rechts).